Theaterkritik: “Lyrics. Dieses Gedicht wurde vor ca. 20.000 Jahren geschrieben und ist immer noch aktuell!” im Ballhaus Ost

06. Januar 2012, 21:34 von cultulli

Unser aller Lieblings-Axolotl Helene Hegemann macht gemeinsam mit der Kamerafrau Kathrin Krottenthaler Antitheater im Ballhaus Ost. Etwas, das weder Theater sein, noch interpretiert werden will, kann theoretisch gar nicht scheitern. Aber was, wenn am Ende nur ein paar Jugendliche übrigbleiben, die fragmentarisch und collagenhaft ihrem Gedankenchaos Ausdruck verleihen? Da bekommen Cupcakes aufeinmal eine ebenso große Aufmerksamkeit wie die stete Ablehnung und Verurteilung des gefühligen, heineinversetzenden Schauspiels in den Stadttheatern. Schillers Glocke, Madonna im hautengen Body, Hamlet: hier kommt zusammen, was nicht zusammen gehört, wohl aber einen gemeinsamen Nenner hat, nämlich Teil des gewaltigen Wusts in Helenes Kopf zu sein. Ein bisschen stringente Handlung steckt aber doch drin. Izzy Deutschmann, eine gefeierte Jungschauspielerin, der bereits mit 11 Jahren der silberne Welpe für ihre glaubhafte Verkörperung einer Zwangsprostituierten verliehen wurde, dreht nun, acht Jahre später, einen neuen Film (Thema: Film im Film) mit Regisseurin Twopence Twopence. Das Ganze gipfelt in einer übertrieben sentimentalen Dankesrede des Hollywoodstarlets, in der alle an der Produktion Beteiligten, deren Mentor übrigens René Pollesch ist, mit rührigen Worten bedacht werden, bis auch dem Letzten die Tränen kommen.

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Auf der Suche nach dem Glück

27. April 2010, 23:01 von cultulli

Dea Loher erzählt von Schicksalen und Schmerz. Für konventionelle theatrale Dramatik lässt ihr Stil kaum Platz. Die Figuren definieren sich nicht durch Dialogtexte oder Handlungen, sondern vielmehr durch in sich gekehrte Erinnerungen, Reflexionen und die Flucht in die Stille.

Das Erfolgsstück „Das letzte Feuer“ leitete am 8. April 2010 die Autorentage ein und feierte gleichzeitig seine Berliner Premiere am Deutschen Theater. Seit langer Zeit arbeitet Dea Loher mit Andreas Kriegenburg zusammen, der auch hier wieder die Regiearbeit übernahm. Neben dem Mülheimer Dramatikerpreis war die Auszeichnung zum Stück des Jahres durch Theaterheute das Resultat der Kooperation.

Der achtjährige Edgar ist überfahren worden. Die Polizistin Edna hatte einen vermeintlichen Attentäter verfolgt. Der jedoch war nur ein von Drogen benebelter Autodieb, seitdem verschanzt in einem der Zimmer des Wohnhauses, das sich als stetig rotierende Drehbühne zeigt. Diese ist einerseits eine Herausforderung an die Wachheit und Improvisationsfähigkeit des Ensembles, welches fortwährend in Bewegung bleibt, andererseits auch ein Symbol für die sich herausbildende Konstellation an Menschen, die mit dem Unglück verbunden sind. Edgars Mutter versucht, Antworten auf ihre Fragen zu finden, einen Sinn zu erkennen, aber scheitert daran: „Es ist nicht fertig und wird nie fertig sein, egal, was mit uns geschieht“. Sie lernt den heimgekehrten Soldaten Rabe kennen, der den Unfall als Einziger gesehen hat und mit seinen düsteren Erlebnissen im Krieg hadert. Beide klammern sich aneinander und finden vorübergehende Ablenkung von der eigenen Ausweglosigkeit. Der Vater des toten Kindes wendet sich ab von seiner Frau. Sein scheinbarer Phlegmatismus ist verstörend und endet in einer hilflosen grausamen Tat. Traumatisiert sind auch die anderen Figuren, die mit der Familie in Beziehung stehen. Sie haben ebenfalls Verluste erlitten, so z.B. die an Krebs erkrankte Karoline, die jeden Tag ein neues Paar Brustprothesen testet oder Edgars Großmutter Rosmarie, deren Gedächtnis sie immer mehr im Stich lässt.

Zu Beginn des Stücks wird ein Datum genannt, an dem sich die Geschichte abspielt, jedoch keine Jahreszahl. Die spießige Kleidung sowie die altmodische Wohnungseinrichtung in braun-beige haben einen Beigeschmack von vorvorgestern, das Thema aber ist universal und zeitlos. Unglück gibt es zu jeder Zeit auf der Welt und doch sind Menschen immer und überall auf der Suche nach dem Glück. Loher zeigt, dass ein sogenanntes niederes Milieu nicht klischeemäßig mit simpler Sprache einhergehen muss. Auch ist das Ganze bei allem Elend kein Betroffenheitstheater, denn der Tenor bleibt bis auf wenige Ausnahmen auf beinahe unerklärliche Art und Weise leicht und glasklar. In den wenigen Momenten aber, in denen der Emotion freien Lauf gelassen wird, packt es den Zuschauer unweigerlich, sodass selbst wenn am Ende eine Version des wohl abgenutztesten Songs überhaupt „Wonderwall“ gespielt wird, eine Gänsehaut das Mindeste ist, woran man sich erinnern wird.

Als sich die Figuren, teilweise tot oder im Irrenhaus, schließlich noch einmal treffen, um Bilanz zu ziehen, dann hat es zwar kaum jemand geschafft, jedoch werden die einzelnen Schicksale mit einer Prise schwarzem Humor und eben jener rätselhaften Leichtigkeit erzählt, die Realität mit Kunst vereinen. So lauten die letzten Worte des Hauptschuldigen Olaf: „Ich mach es wie die Vögel im Herbst, warte auf den richtigen Wind und schwing mich und flieg davon.“

„Ich kann mein Herz nicht zwischen Wände sperren…“

04. Februar 2010, 13:37 von cultulli

…so spricht es aus Don Juan in Tobias Wellemeyers Inszenierung am Potsdamer Hans Otto Theater (Übernahme aus Magdeburg). Woran kann man glauben? Für Molières Protagonist steckt allein in Schönheit und Eroberung eine gewisse Sinnhaftigkeit. Auch im Stück selbst liegt das Augenmerk vor allem auf dem Erschaffen von äußerlicher Atmosphäre und schwarzem Humor.

Wolfgang Vogler macht sich die Figur mit Leichtigkeit zueigen, verleiht dem Verführer und Gotteslästerer morbide Grandezza, die an einen unartigen Jungen erinnert. Weder die nordisch daher plappernde Fischmagd (Katharina Brankatschk), noch die aus dem Kloster entführte Donna Elvira sind vor seinem Charme gefeit. Franziska Melzer stellt die Entehrte mit dramatischer Verzweiflung dar, wenn sie in einem französischen Lied als Spiegel ihres zerstörten Herzens aufgeht.

Auf der Bühne (Iris Kraft) liegt der düstere Zauber einer Stadt im 16. Jahrhundert, Schlamm und Rosenblüten bilden eine marode Spielwiese, die schon allein ein Erlebnis für die Sinne ist. Kontrastiert wird das Ganze schließlich noch durch Glitzerkostüme à la Karneval in Rio, Don Juans entgrenzten Hedonismus symbolisierend. Je mehr er vom Diener Sganarelle zur Mäßigung ermahnt wird, je mehr Blutrache ihm droht, so wie von den Brüdern Donna Elviras, desto weniger lässt er sich von seinem Weg abbringen. So ist auch der Schwur zur Reue und Besserung gegenüber seinem Vater reine Farce, angetrieben durch pubertär anmutenden Drang zum Exzess.

Die Totenruhe des einst von Don Juan ermordeten Komturs störend und an seinen Prinzipien der Amoral und Eigensinnigkeit festhaltend, gerät er letztlich in einen Strudel, der ihn in den Abgrund zieht. „Man soll mir nicht nachsagen, dass ich Reue gefühlt hätte“, so lautet bis zuletzt sein Anspruch. Übrig bleibt nur verbrannte Erde.

Ein Berg mit gedämpfter Zauberkraft

03. Februar 2010, 11:29 von cultulli

Über der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters tickt eine kleine Digitalzeittafel. 19.37 Uhr zeigt sie, als sich der graue Vorhang hebt. Zu sehen ist eine langsam um die eigene Achse rotierende Drehbühne, darauf sechs Holzbetten, in denen die Gäste des Davoser Sanatoriums liegen - eingehüllt in akkurat gefaltete Wolldecken.

Geschlagene elf Minuten vergehen, ohne dass irgendetwas geschieht. Eine Herausforderung, die der Züricher Regisseur und Nestroy-Preisträger 2008 Stefan Bachmann hiermit an das ungeduldige Publikum stellt. Doch schließlich wird dies durch die erste Regung von Hauptdarsteller Marek Harloff erlöst, der dem Kaufmannsohn Hans Castorp teils jungenhaften, teils unsicheren Charme verpasst.

”Ein einfacher junger Mann reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen”

Fünfmal wird dieser Satz gesagt, umrahmt von immer wiederkehrenden, lediglich leicht variierenden Handlungssträngen. Wiederholung als Stilmittel, Zeit als Mittelpunkt des Interesses. Ritualisierte Tagesabläufe und das stundenlange Liegen der Patienten lassen die Zeit als Tretmühle und entleerten Stillstand erscheinen.

Wie kann man vergehende Zeit theatralisch erfahrbar machen?”

So lautet die Leitfrage der Inszenierung, die Dramaturgin Carmen Wolfram aufwirft. Doch diese Intention wird (allzu) schnell deutlich und je näher das Ende rückt, desto mehr muss sich der Zuschauer von der Hoffnung verabschieden, noch den großen metaphorischen Donnerschlag wie im Roman von Thomas Mann zu erleben. Belanglose Alltäglichkeiten werden mit derselben Ausführlichkeit wie elementare Fragen des Lebens und Sterbens diskutiert. Unter stetem Kunstschneegeriesel falten die Kurgäste ihre Decken im Takt und stecken sich die Thermometer in die Münder, begleitet von immer denselben Phrasen. Diese mutieren zunehmend zu müden Running-Gags, ebenso wie das wiederholte Fallenlassen der Schlafanzughose von Miguel Abrantes Ostrowski.

Die Gorki-Stammgarde Ruth Reinecke, Anja Schneider, Ronald Kukulies und Gunnar Teuber agieren mit Uneitelkeit und Zurückhaltung. Doch können auch sie die Schneetraumszene, in welcher das in üppige Frauenkleider gehüllte Ensemble einen Geburtsvorgang nachstellt, nicht von etwas beschämender Albernheit reinwaschen. Auch die Geisterbeschwörung eines verstorbenen Dichters wirkt seltsam aus dem Zusammenhang gelöst.

Indem Bachmann gezielt auf die Nacherzählung des Romans verzichtet und sich reduziert, beinahe lässig auf die Illustration der endlosen Wiederholungsschleifen des Lebens stützt, nimmt er Vorwürfen wie Zähheit und Oberflächlichkeit gewissermaßen den Wind aus den Segeln. Aus den geplanten drei Wochen werden sieben Jahre. Castorp verliert sich im Mikrokosmos ”Zauberberg”, einer Welt, in der Krankheit und Tod die Gedanken dominieren und Entfremdung das Ergebnis frostiger Ewigkeit ist.